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IFO-Umfrage: Historischer Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie

Eine neue ifo-Umfrage bestätigt im Oktober 2025 einen historischen Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Demnach melden 36,6 Prozent der Industrieunternehmen eine Verschlechterung gegenüber außereuropäischen Konkurrenten. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebungen 1993. Gegenüber Juli 2025 ist der Anteil deutlich gestiegen, von 24,7 Prozent. Besonders betroffen sind energieintensive Branchen. In der Chemieindustrie berichten mehr als die Hälfte der Unternehmen von einer geschwächten Position; Elektronik- und Maschinenbauunternehmen melden 47 bzw. rund 40 Prozent. Experten weisen darauf hin, dass der Trend bereits vor der Pandemie und dem Ukraine-Krieg begann und durch strukturelle Schwächen wie hohe Energiekosten, Bürokratie und Fachkräftemangel verstärkt wird. Ohne gezielte Reformen droht Deutschland im internationalen Wettbewerb weiter an Bedeutung zu verlieren.

Bürokratie überwältigt Energiekosten als größtes Hindernis für den Mittelstand

Für den Mittelstand bleiben bürokratische Hürden das zentrale Problem. Eine EY-Studie zeigt, dass drei Viertel der Unternehmen Bürokratie als größte Belastung empfinden. Hohe Energiepreise sind weiterhin relevant, doch Bürokratie nimmt den Spitzenplatz ein. Selbst einfache Vorhaben wie die Installation von Photovoltaik-Anlagen erfordern oft jahrelange Abstimmungen, Gutachten und unklare Genehmigungsentscheidungen. Im Energiesektor verursachen Verwaltungsaufwand jährlich Kosten von rund 1,5 Milliarden Euro, berichtet der BDEW. Zudem behindern komplexe Vorschriften Dekarbonisierungsprojekte: 57 Prozent der Firmen klagen über hohe Investitionskosten oder fehlende Finanzierung. Für den Mittelstand bedeutet das häufig der Verzicht auf Fördergelder, weil der Antragaufwand nicht tragbar ist.

Experten fordern umfassende Standortreformen zur Stabilisierung der Industrie

Das ifo-Institut und Wirtschaftsverbände betonen, dass nur umfassende Maßnahmen den Abwärtstrend stoppen können. Neben einer Senkung der Energiekosten durch gezielte Subventionen und Infrastrukturmodernisierung gilt der Abbau bürokratischer Schranken als zentral. Konkret werden vereinfachte Genehmigungsverfahren, steuerliche Entlastungen und bessere Unterstützung bei der Digitalisierung gefordert. Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) skizzierte in einer Grundsatzrede eine Agenda 2030, die strukturelle Reformen zur Stärkung des Industriestandorts vorsieht. Gleichzeitig warnen Analysten, dass ohne rasche Schritte besonders kleine und mittlere Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern könnten – mit erheblichen Folgen für Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland.

Chemie- und Raffinerie-Pakt NRW: Emissionshandel gezielt anpassen

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat gemeinsam mit dem Verband der Chemischen Industrie (VCI NRW), der Industriegewerkschaft IGBCE und dem Wirtschaftsverband en2x einen Industriepakt zur Stärkung des Standorts unterzeichnet. Kernziel ist die Schaffung wettbewerbsfähigerer Rahmenbedingungen durch eine Nachjustierung des EU-Emissionshandels, um Carbon-Leakage-Effekte zu verhindern. Dabei sollen die CO2-Bepreisung angepasst und gleichzeitig Infrastrukturprojekte für Wasserstoff sowie CO₂-Abscheidung beschleunigt werden. Die Chemieindustrie betont, dass internationale Wettbewerber in Ländern wie China oder den USA keine vergleichbaren Kosten durch den Emissionshandel tragen. Die Landesregierung betont zudem, Klimaschutz und Industriestandort dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Stattdessen gelte es, den Reduktionspfad im Emissionshandel so anzupassen, dass Unternehmen ausreichend Spielraum für ihre Transformation erhalten, ohne ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

IHK NRW fordert umfassende Entlastung für energieintensive Mittelständler nach Stahlgipfel

Anlässlich des Stahlgipfels im Kanzleramt mahnt die IHK NRW dringenden Handlungsbedarf bei den Energiekosten für kleine und mittlere Unternehmen an. Großindustrien wie die Stahlbranche erhalten gezielte Entlastungen, während viele Handwerksbetriebe – darunter Bäckereien, Metzgereien oder Druckereien – von der geplanten Reduktion der Stromsteuer ausgeschlossen bleiben. Die IHK kritisiert, dass die aktuelle Politik den Mittelstand systematisch benachteilige, obwohl stabile Energiepreise für Produktion und Arbeitsplätze unverzichtbar seien. Zwar gibt es Forderungen nach einem befristeten Industriestrompreis, doch dieser dürfe kein Exklusivprogramm bleiben. Stattdessen brauche es eine Doppelstrategie: gezielte Unterstützung für stromintensive Branchen kombiniert mit einer generellen Absenkung von Stromsteuer und Netzentgelten für alle Unternehmen. Andernfalls drohten Investitionsstopps und Standortverlagerungen, die regionale Wertschöpfungsketten treffen würden.

EU setzt auf Partnerschaften und Recycling zur Entkopplung von chinesischen Rohstofflieferungen

Die EU reagiert auf chinesische Exportbeschränkungen mit dem RESourceEU-Plan. Er soll Partnerschaften mit Kanada, Australien und der Ukraine beschleunigen. Zudem will die Kommission bis 2030 zehn Prozent des europäischen Bedarfs an seltenen Erden selbst decken und die Recyclingquote auf 25 Prozent erhöhen. TU Clausthal-Experten unterstreichen, dass neben der Erschließung neuer Quellen auch bestehende Kapazitäten wie die Recyclinganlage Bitterfeld ausgebaut werden müssen. Sie mahnen, dass europäische Vorkommen in Schweden oder Finnland zwar langfristig helfen könnten, aber durch Widerstände lokaler Gemeinden und indigener Gruppen wie der Samen Verzögerungen entstehen könnten. Ziel bleibt die Sicherung strategischer Lieferketten für Maschinenbau und grüne Technologien.

Schwaches drittes Quartal belasten Umsatz und Produktion in der Chemie

Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie verzeichnet im dritten Quartal 2025 erneut Rückgänge. Der Umsatz sinkt laut VCI um 2,3 Prozent auf 52,1 Milliarden Euro. Die Produktion geht im Quartal um 0,3 Prozent zurück und liegt 1,5 Prozent unter dem Vorjahr. Die Grundstoffchemie ist besonders betroffen, während die Pharmabranche Erträge stabil halten konnte. Die Kapazitätsauslastung fällt auf rund 70 Prozent, deutlich unter dem notwendigen Schwellenwert von 82 Prozent. Die Erzeugerpreise sanken gegenüber dem Vorquartal um 0,6 Prozent. Das Exportgeschäft schwächelt außerhalb Europas, während die Märkte in der EU stagnieren.

Branchenverbände warnen vor Arbeitsplatzverlusten und fordern staatliche Entlastung

Der Auftragsbestand der Chemieindustrie befindet sich laut einer Umfrage des Ifo-Instituts auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 30 Jahren. Branchenvertreter warnen vor massiven Arbeitsplatzverlusten, weil bis zu 21 große Chemieanlagen in Europa stillgelegt werden sollen. Bereits heute planen acht von zehn großen Chemiekonzernen keine neuen Investitionen am Standort Europa. Hauptgrund ist die hohe Energiekostenbelastung, die energieintensive Produktionsverfahren unrentabel macht. Der VCI verweist darauf, dass die deutsche Chemieproduktion seit Jahresbeginn um 18 Prozent gesunken ist. Er fordert gezielte staatliche Maßnahmen wie einen Energiepreisdeckel oder Vergünstigungen bei CO2-Abgaben. INEOS-Chef Jim Ratcliffe warnt vor einer zunehmenden Abhängigkeit Europas von Importen für strategische Güter. Ohne politische Unterstützung drohen der Industrie und der gesamten regionalen Wertschöpfungskette erhebliche Folgen.

Quellen

https://www.ifo.de/fakten/2025-11-11/deutsche-industrie-sieht-eigene-wettbewerbsfaehigkeit-auf-rekordtief

https://www.manager-magazin.de/politik/wettbewerbsfaehigkeit-deutsche-industrie-beklagt-teure-energie-und-hohe-buerokratie-a-c40d3db6-b382-4c7e-aca9-34d22bd1d458

https://www.elektroniknet.de/halbleiter/deutsche-industrie-wettbewerbsfaehigkeit-so-niedrig-wie-nie.228553.html

https://live.handelsblatt.com/buerokratie-und-hohe-energiepreise-bremsen-dekarbonisierung-der-deutschen-industrie-aus/

https://www.deutschlandfunk.de/deutsche-industrie-sieht-eigene-wettbewerbsfaehigkeit-auf-rekordtief-102.html

https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/wirtschaftspolitik/energie/energiewende-barometer-2025-134828

https://www.bdew.de/media/documents/KMU_Fakten_B%C3%BCrokratie_Energie-_und_Wasserwirtschaft.pdf

https://www.vci.de/nrw/presse-services/presse/chemiegipfel-nov2025nrw-2.jsp

https://www.ihk-nrw.de/hauptnavigation/presse/medieninformationen-2025/pm-20251106-stahlgipfel-6790916

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/emissionen-spd-landtagsfraktion-fuer-begrenzung-des-zertifikatehandels-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-251015-930-165364

https://liberaler-mittelstand.com/nordrhein-westfalen/meldungen/stromsteuer-entlastung-bleibt-aus-mittelstand-und-energieintensives-handwerk-im-stich-gelassen/

https://wirtschaft.nrw/energie-und-wirtschaftspolitik-nrw-wohlstand-und-sicherheit-fuer-nordrhein-westfalen

https://www.rundschau-duisburg.de/2025/11/11/ihk-nrw-zum-stahlgipfel-hohe-energiekosten-bedrohen-industrie-standort/

https://www.fona.de/de/deutsch-brasilianisches-millionenprojekt-zur-gewinnung-von-seltenen-erden

https://esut.de/2025/10/meldungen/ruestung2/64492/bdsv-draengt-auf-tempo-bei-seltenen-erden/

https://www.wiwo.de/technologie/seltene-erden-beim-metallrecycling-gibt-es-viele-probleme/21255532.html

https://www.spiegel.de/wirtschaft/seltene-erden-eu-kommission-will-industrie-mit-neuem-rohstoffplan-staerken-a-e754da98-ce5b-404e-8930-6d72bb29174b

https://www.handelsblatt.com/politik/international/seltene-erden-eu-will-mit-neuem-plan-abhaengigkeit-von-rohstoffen-aus-china-verringern/100168010.html

https://www.mckinsey.com/de/~/media/mckinsey/locations/europe%20and%20middle%20east/deutschland/news/presse/2025/2025-10-13%20rohstoffe/mckinsey_rohstoffe_oktober%202025_final.pdf

https://t3n.de/news/seltene-erden-deutschland-unabhaengig-china-kritische-rohstoffe-1715066/

https://www.enbw.com/unternehmen/themen/elektromobilitaet/seltene-erden.html

https://www.chemieindustrie-online.de/branchennews/deutsche-chemieindustrie-druck-keine-erholung-dritten-quartal-2025

https://exxpress.at/economy/geringe-auslastung-deutschlands-chemieindustrie-droht-der-kollaps/

https://www.ineoskoeln.de/news/ich-fordere-die-europaische-politik-auf-sich-endlich-dafur-einzusetzen-die-chemieindustrie-zu-retten-erklart-ineos-vorstandsvorsitzender-sir-jim-ratcliffe/

https://www.vci.de/presse/pressemitteilungen/quartalsbericht-32025-wirtschaftliche-lage.jsp

https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/deutsche-chemiebranche-leidet-unter-auftragsmangel-15259410

https://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/deutsche-chemieindustrie-in-der-krise-auftragsflaute-belastet-industrie/100173010

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