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Wie KI den deutschen Nahverkehr entkomplizieren soll

Photo by Ben Kupke / Unsplash

Inhaltsverzeichnis

Der Nahverkehr in Deutschland steht vor großen Hürden. Zuständigkeiten verteilen sich auf viele Akteure, und Abläufe sind oft veraltet. Erste KI-Projekte zeigen bereits, wie Planung, Auskunft und Ticketkauf künftig leichter funktionieren können. Für mittelständische Entscheider eröffnen sich neue Felder, zum Beispiel in der Datenintegration, in der Sprachtechnik und in sicherer Infrastruktur.

Der Nahverkehr als Verwaltungsdschungel

Der Nahverkehr wirkt oft wie ein Behördendschungel. Wer Bus oder Bahn nutzt, stößt regelmäßig auf Umwege statt auf einfache Lösungen. Unterschiedliche Verbünde, Unternehmen und Ländereien erzeugen ein Durcheinander aus Tarifen, Apps und Papierformularen. Fahrgäste müssen oft zwischen getrennten Systemen für Auskunft, Ticketkauf und Zusatzdienste wechseln. Hintergrundprozesse beruhen vielfach noch auf analogen Abläufen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben und neue Vereinfachungen erschweren.

Anna-Theresa Korbutt, Chefin des HVV, beschreibt die Lage so, dass Deutschland dazu neige, einfache Dinge möglichst kompliziert zu machen. Der HVV koordiniert rund 28 bis 29 Verkehrsunternehmen im Großraum Hamburg. Die Struktur macht deutlich, wie groß der Bedarf an klaren digitalen Schnittstellen ist, damit der Nahverkehr für Fahrgäste aus einem Guss erscheint.

Hamburg als Testfeld für einen digitalen Nahverkehr

Korbutt gilt als treibende Kraft hinter der Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs, auch bei der Bahn, der ÖBB und nun beim HVV. In Hamburg entstand mit der HVV Switch App der erste Schritt zu einem Mobilitätsökosystem, das ÖPNV-Tickets mit Carsharing und weiteren Verkehrsmitteln verbindet. Die App hat bereits Hunderttausende Nutzer gewonnen und soll perspektivisch auch außerhalb Hamburgs verfügbar sein.

Gleichzeitig arbeitet der HVV mit Hochbahn und S-Bahn Hamburg an KI-gestützten Projekten für Sicherheit und Betrieb. Dazu gehören Systeme, die Videobilder automatisch prüfen, um kritische Situationen schneller zu erkennen, sowie Anwendungen, die Wetter, Auslastung, Fahrpläne und Betriebsstatus in Echtzeit auswerten und Einsatzkräfte gezielt steuern. Hamburg zeigt, dass KI im Nahverkehr mehr ist als Apps – sie kann tief in die operative Steuerung eingreifen.

Das Agentensystem MIA: Auskunft, Weg und Ticket aus einer Hand

Der HVV plant ein KI‑Agentensystem namens MIA, das Fahrplanauskunft, Wegeplanung, Ticketkauf und Taxi-Ruf in einer Oberfläche bündelt. Der Start ist für Anfang 2027 vorgesehen. MIA soll sprachgesteuert funktionieren. Fahrgäste nennen einfach ihren Standort und ihr Ziel, etwa „Ich bin hier und möchte nach Altona“, und das System berechnet die passende Route, hinterlegt das Ticket und koordiniert Anschlussangebote.

Geplant ist, MIA in deutlich über hundert Sprachen anzubieten, um auch Besucher ohne Deutschkenntnisse oder digitale Vorerfahrung zu erreichen. Kern des Systems ist ein Verbund aus mehreren spezialisierten KI‑Modulen, die Teilaufgaben wie Auskunft, Tarifierung oder Buchung übernehmen und über gemeinsame Datenstrukturen miteinander arbeiten. Für Fahrgäste soll all dies hinter einer einzigen Oberfläche verschwinden, die den bisherigen Wildwuchs aus Portalen und Formularen ersetzt.

Für technische Entscheider bedeutet ein solches Agentensystem vor allem eine Vielzahl von Schnittstellen: zu Fahrplandaten, Tarifsystemen, Buchungsplattformen, Zahlungsdiensten und On‑Demand-Verkehren. Robuste Architekturen sind gefragt, in denen KI‑Module klar abgegrenzt arbeiten und sich dennoch reibungslos integrieren lassen.

Die Haltestelle der Zukunft als physischer Zugangspunkt

Digitalisierung endet in Hamburg nicht am Smartphone. Auf einem internationalen Mobilitätskongress zeigte der HVV eine Prototyp-Haltestelle mit KI‑Avatar, der direkt vor Ort Auskunft gibt. In einer Kabine mit großem Bildschirm erscheint eine virtuelle Beraterin oder ein virtueller Berater. Über Sprachdialog in 27 Sprachen können Fahrgäste Verbindungen, Umsteigemöglichkeiten und Tickets erfragen, ohne eine App zu installieren.

Die Antworten werden über Lautsprecher ausgegeben und zusätzlich als QR-Code zur Mitnahme auf das Handy bereitgestellt. Ziel ist es, klassische Reisezentren zu ersetzen, wo wirtschaftlich sinnvoll, und den Zugang zu Informationen barriereärmer zu gestalten. Das System soll perspektivisch deutschlandweit eingesetzt werden, wobei Kooperationen mit Nordrhein-Westfalen und weiteren Bundesländern bestehen. Für den Mittelstand eröffnet sich hier ein Markt rund um intelligente Touchpoints – von der Anzeige- und Audioshardware über Edge-Rechner bis hin zu Wartungskonzepten und Sicherheitslösungen.

Wichtig bleibt eine zuverlässige Spracherkennung auch in lauten Umgebungen und der Schutz sensibler Reisedaten.

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