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Die G7-Staaten wollen ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen deutlich senken. Dazu prüfen sie Obergrenzen für Importe aus Nicht-G7-Ländern bis 2030. Für mittelständische Industrieunternehmen in Deutschland bedeutet das eine strategische Weichenstellung bei Rohstoffbeschaffung, Technologieplanung und Risikomanagement.
Politisches Signal aus Évian: Weniger Abhängigkeit von China
Beim G7-Gipfel im französischen Évian verabschiedeten die führenden westlichen Industriestaaten eine gemeinsame Erklärung zu kritischen Rohstoffen. Ziel ist, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten außerhalb der G7 und ihrer Partnerländer bei Seltenen Erden und Permanentmagneten bis 2030 auf unter 60 Prozent zu senken. Das würde praktisch eine Obergrenze für Lieferungen aus Staaten wie China bedeuten, die derzeit weite Teile des Weltmarktes dominieren. Die G7 verknüpfen dieses Ziel ausdrücklich mit der Sorge vor politischer Erpressbarkeit und Lieferunterbrechungen. Bereits zuvor hatten die Handelsminister der G7 willkürliche Ausfuhrbeschränkungen bei Seltenen Erden kritisiert, weil sie Lieferketten stören und wirtschaftliche Sicherheit gefährden können. Hintergrund sind auch frühere Exportbeschränkungen Pekings im Handelskonflikt mit den USA.
Warum ausgerechnet Seltene Erden und Magnete?
Seltene Erden bilden eine Gruppe von Metallen, die in vielen Schlüsseltechnologien vorkommen. Zu ihnen gehören Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium. Sie werden in Permanentmagneten für Elektromotoren, Windkraftanlagen, Elektronik und weitere Anwendungen gebraucht. Ohne sie würden Elektromobilität, Automatisierung, Robotik und viele Maschinenbauteile ins Stocken geraten. Die Europäische Union ist bei Seltenen Erden und den daraus gefertigten Magnetwerkstoffen nahezu vollständig importabhängig. Auch bei weiterverarbeiteten Produkten ist die Abhängigkeit extrem hoch. China bleibt der größte Lieferant. In der EU stammten 2024 rund 46 Prozent der Einfuhren von Seltenen Erden aus China. Für Deutschland lag der Anteil bei etwa 46 Prozent der entsprechenden EU-Importe.
Europäische Antwort: Kritische Rohstoffe und Obergrenzen pro Lieferland
Die EU hat ihre Strategie für kritische Rohstoffe 2024 mit dem Gesetz über kritische Rohstoffe neu ausgerichtet. Bis 2030 sollen mindestens 10 Prozent des jährlichen Verbrauchs strategischer Rohstoffe innerhalb der EU gefördert werden und 40 Prozent in Europa verarbeitet werden. Zudem sollen 25 Prozent des Bedarfs aus Recycling stammen. Ein zentrales Element ist eine Obergrenze pro Lieferland: Für bestimmte strategische Rohstoffe wie Seltene Erden soll höchstens 65 Prozent des Bedarfs aus einem einzelnen Drittstaat gedeckt werden. Die EU will die Eigenproduktion stärken und die Bezugsquellen breiter streuen. Die G7-Obergrenzen knüpfen an dieses Prinzip an, verlagern es aber auf eine breitere westliche Allianz und senden ein deutliches Signal nach Peking.
De-Risking statt Bruch: Kurs gegenüber China wird schärfer
Gleichzeitig betonen EU und G7, dass es nicht um eine vollständige wirtschaftliche Entkopplung von China geht. Der Ansatz heißt De-Risking. Ziel ist eine gezielte Verringerung kritischer Abhängigkeiten. China wird vorgeworfen, durch Subventionen Überkapazitäten zu schaffen und den Wettbewerb zu verzerren. Die USA haben bereits Strafzölle auf bestimmte chinesische Produkte verhängt. In der EU sollen ab Juli erhöhte Zölle auf Elektroautos aus China gelten, falls keine Einigung erzielt wird. Die EU prüft zudem den breiten Einsatz von Quoten und höheren Zöllen in Branchen, die stark von chinesischen Überkapazitäten betroffen sind. Dieses Instrumentarium könnte künftig auch bei kritischen Rohstoffen an Bedeutung gewinnen.
Engpassrisiko sichtbar: Exportkürzungen und Produktionsstopps
Wie verletzlich Lieferketten sind, zeigte sich erneut. China hat im Frühjahr die Ausfuhr mehrerer schwerer Seltenerdmetalle und bestimmter Magnetprodukte eingeschränkt. In Teilen der deutschen Industrie führten diese Beschränkungen zu vorübergehenden Produktionsstillständen, weil Ersatz schwer oder zu deutlich höheren Preisen zu beschaffen war. Die G7 warnen, dass solche Exportbeschränkungen die Sicherheit der Lieferketten gefährden. Vor diesem Hintergrund sollen Obergrenzen für die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten dazu beitragen, das Risiko solcher Schocks zu verringern und Verhandlungsmacht zurückzugewinnen.
Technische Gegenstrategien: Weniger Seltene Erden, mehr Recycling
Neben der Diversifizierung der Bezugsquellen setzt Europa auf technische Lösungen, um den Bedarf an kritischen Rohstoffen zu senken. In einem europäischen Forschungsverbund arbeiten 15 Partner daran, Hochleistungsmagnete so zu entwickeln, dass sie weniger Seltene Erden enthalten und gleichzeitig ihre magnetischen Eigenschaften verbessern. Dazu wird das Material auf Körnerebene neu gestaltet, um Koerzitivfeldstärke und Energieprodukt zu erhöhen. Parallel dazu läuft das EU-Projekt REEsilience, das eine widerstandsfähigere und nachhaltigere Lieferkette für magnetische Seltene-Erden-Materialien in Europa aufbauen soll. Heute hängt die EU bei der gesamten Wertschöpfungskette der Magnetwerkstoffe vollständig von Importen ab. Das Projekt soll Rohstoffquellen erfassen, ein Produktionssystem aufbauen und langfristig neue Marktchancen für in Europa erzeugte magnetische Werkstoffe schaffen. Beim Recycling gibt es noch großen Nachholbedarf. Seltene Erden aus Altgeräten werden bislang nur in kleinem Umfang zurückgewonnen. Europäische Recyclingangebote sind preislich oft nicht konkurrenzfähig. Experten halten die Ziele der EU im Bereich Recycling für sinnvoll, aber anspruchsvoll und fordern zusätzliche Investitionen sowie politische Anreize wie Quoten oder steuerliche Vorteile für recycelte Magnetmaterialien.
